Der Tag beginnt etwas turbulent.
Gestern konnte ich, wie ihr vielleicht verstehen könnt, nicht besonders viel schreiben.
Dieser Tag war nicht zum Schreiben gedacht.
Er war zum Zuhören gedacht.
Heute dagegen hatte ich geplant, noch eine weitere Nacht zu bleiben und den ganzen Tag in Ruhe zu nutzen.
Skarat schien perfekt.
Doch wieder einmal erinnert mich Wangchuk daran, dass das Leben andere Pläne hat.
Ruhe gibt es nicht.
Also beschließe ich zu gehen.
Wangchuk muss sowieso in ein nahegelegenes Dorf und kann mich an einer Abzweigung absetzen.
Schon die Autofahrt ist herrlich absurd.
Wir sitzen da wie Reiter mit Lanzen.
Nur dass unsere Lanzen Metallstangen sind.
Und zusätzlich springen noch fünf oder sechs Leute hinten auf den Pickup.
Sicherheitsgurte?
Aber selbstverständlich.
Ordnungsgemäße Ladungssicherung?
Natürlich.
TÜV-geprüft.
Ganz bestimmt.


Bevor wir uns trennen, gibt Wangchuk mir noch eine Adresse.
Einen Ort, den ich besuchen soll, wenn ich sehen möchte, wie Ladakhis wirklich früher gelebt haben.
Denn laut ihm leben viele Ladakhis in dieser Gegend inzwischen gar nicht mehr wirklich auf die „authentisch ladakhische“ Art.
Heiße Duschen.
Schöne Badezimmer.
Moderne Kleidung.
Anderes Essen.
Die Kultur öffnet sich.
Der Ort, der das alles anders machen soll, heißt:
Tar.
2024 Ausgezeichnet als bestes Tourismusdorf in ganz Indien.
Das ist mal eine Leistung.
Und natürlich weckt das auch entsprechende Erwartungen.
Etwas, worauf ich mich während der drei- oder vierstündigen Wanderung dorthin freuen kann.

Ich starte an einer Brücke.
Einer richtigen.
Wie lange sie halten wird?
Wer weiß.
Ich für meinen Teil muss mein Vertrauen in Brücken erst noch etwas wiederaufbauen.
Was dabei nicht gerade hilft, ist der Fluss unter mir.
Er rast.
Wasser, das über Tausende Höhenmeter herunterkommt und mit gewaltiger Kraft durchs Tal schießt.
Da möchte man wirklich nicht hineinfallen.

Aber:
Die Brücke hält.
Guter Anfang.
Eine Sache über Tar:
Das alte Tar ist nicht mit dem Auto erreichbar.
Früher war die gesamte Strecke hinauf offenbar ein wunderschöner Wanderweg.
Heute sind ungefähr 90 Prozent davon zu einer Straße geworden.
Tar ist so abgelegen, dass sich das Dorf langsam aus dem Inneren der Berge hinunter Richtung Fluss verlagert, wo ein direkter Straßenanschluss möglich ist.
Deshalb gibt es heute gewissermaßen ein neues und ein altes Tar.
Die Landschaft auf dem Weg hinauf ist surreal.


Am Anfang finde ich noch einige Abschnitte des alten Wanderwegs.
Stellt euch vor, die ganze Strecke hätte einmal so ausgesehen.
Heute sind davon nur noch ungefähr zwanzig Minuten übrig.

Ganz unglücklich bin ich über die Straße allerdings nicht.
Dunkle Wolken begleiten mich den ganzen Weg.
Ich rechne jederzeit mit Regen.
Und bei starkem Regen ist das nicht gerade die Art von Tal, in der man eingeschlossen sein möchte.
Wolkenbrüche können hier unglaublich gefährlich werden.
Weiter oben sammelt sich das Wasser und kann plötzlich wie eine Flutwelle durch das Tal schießen.
Ladakh verfügt deshalb über ein eigenes Wetterwarnnetzwerk.
Unterkunftsbesitzer, Guides, Fahrer und andere sind über Messenger-Gruppen miteinander verbunden und bekommen Warnungen, wenn gefährliches Wetter wahrscheinlicher wird.
In einer Landschaft wie dieser ziemlich praktisch.
Die Steine faszinieren mich.
Die Straßen faszinieren mich.
Direkt in die Berge hineingeschnitten.

Wann immer ich einen Platz finde, von dem aus ich im Fall von Regen schnell aus dem Tal herausklettern könnte, suche ich mir eine gemütliche Ecke und versuche etwas zu arbeiten.
Doch in dem Moment, in dem ich den Laptop öffne ...
fangen Regentropfen an zu fallen.

Vielleicht nicht die beste Idee.
Weiter geht's.

Und wieder ein Beispiel für die überraschenden Ähnlichkeiten zwischen der Vegetation in Ladakh und Deutschland.
Aprikosen.
Walnüsse.
Beeren.
Äpfel.
Birnen.
Und mehr.
Für alle, die heißen Sommern und feuchtem Klima entkommen wollen:
Ladakh könnte euer Ort sein.

Je höher ich steige, desto enger wird das Tal.
Autos?
Irgendwann keine Chance mehr.
Großartig.

Bauarbeiter?
Überall in Ladakh.
Die Straßen erhalten sich schließlich nicht von selbst.

Keine Worte nötig.
Einfach den Stufen folgen.


Und für alle, die gerne Gesichter in der Natur entdecken:
In Steinen.
Bäumen.
Ästen.
Wolken.
Diese natürlichen Formen haben hier sogar einen Namen:
Rangjons.

Auf dem Weg nach oben begegnen mir überraschend viele Menschen, die gerade herunterkommen.
Sie erzählen mir, dass sie aus Tar sind.
Heute findet dort ein Gebet statt.
Als ich schließlich das Dorf erreiche, beginne ich zu verstehen, was sie meinen.
Viele Menschen sind zusammengekommen.
Das ist kein gewöhnlicher Tag.
Es ist ein besonderer.
Fast schon ein feierlicher.
Was mich zunächst überrascht.
Dazu gleich mehr.
Irgendwann erreiche ich schließlich den angekündigten Eingang von Tar.
Ein schönes Schild heißt mich willkommen.
Orientierungswert?
Null.
Künstlerischer Wert?
Hundert.

Das Erste, was mir danach auffällt, ist für ein angeblich so traditionelles Dorf ebenfalls ziemlich interessant:
Photovoltaik.
Solaranlagen.
Ein Mobilfunkmast.
Offenbar möchten selbst die Hüter der Tradition nicht auf alles Moderne verzichten.
Witzigerweise habe ich dort trotzdem keinen Empfang.
Denn man braucht eine bestimmte SIM-Karte.

Ich streife eine Weile herum.
Einen wirklichen offiziellen Empfang gibt es nicht.
Und ganz ehrlich:
Auf den ersten Blick wirkt Tar gar nicht dramatisch anders.
Nicht ruhiger.
Nicht unbedingt charmanter.
Nicht „authentischer“ als beispielsweise das Skarat-Pa-Homestay.
Zunächst ist es einfach ein Dorf in den Bergen.
Eingebettet in das Tal zwischen drei gewaltigen Gipfeln.
Dann höre ich Stimmen.
Also folge ich ihnen.
Ich gehe in Richtung der Menschenmenge.
Die Leute bedeuten mir, mich hinzusetzen.
Sie bieten mir Tee an.
Kekse.
Schließlich Essen.
Und langsam beginne ich zu verstehen, was hier eigentlich passiert.
Ist das ...
eine Beerdigung?
Irgendwie schon.
Genauer gesagt ist es ihr Abschluss.
49 Tage sind vergangen, seit eine ältere Frau aus dem Dorf gestorben ist.
Und am 49. Tag kommt die Gemeinschaft zusammen.
Den ganzen Tag über finden im Haus Rituale statt.
Menschen kommen und gehen.
Sie essen.
Sie beten.
Sie sitzen zusammen.
Ich werde zum Mittagessen eingeladen.

Die Atmosphäre ist faszinierend.
Alles ist farbenfroh.
Viele Kerzen brennen.
Ich sitze dort und versuche mit ihnen zu fühlen.
Traurigkeit steigt in mir auf.
Nach einer Weile setzt sich der Community Manager neben mich.
Der ideale Moment, um mein Beileid auszusprechen.
„Mein Beileid für euren Verlust.“
Er schaut mir in die Augen und fragt:
„Beileid? Warum Beileid? Ist das nicht auch etwas Schönes?“
„Wie meinst du das? Bitte erzähl mir mehr.“
„Ihr alter Körper hat ihr das Leben sehr schwer gemacht, oder?
Ist es nicht Zeit für einen neuen?“
Und plötzlich beginnen auch die Farben Sinn zu ergeben.
Es ist keine schwarz-weiße Welt der Trauer.
Viele tragen traditionelle Kleidung.
Farben.
Leben.
Fast etwas Feierliches.
Aus buddhistischer Sicht ist der Tod nicht das Ende.
Er ist gewissermaßen der Abgabetermin für das Empfehlungsschreiben für das nächste Leben.
Die Handlungen dieses Lebens prägen, was danach kommt.
Wer ein gutes Leben geführt hat, darf auf eine "gute" Wiedergeburt hoffen.
Und offenbar ist es genau dieses Vertrauen, das die Menschen hier tragen.
Vielleicht kann man es ein wenig mit einem Universitätsabschluss vergleichen.
Man lernt.
Man bereitet sich vor.
Ein Kapitel endet.
Ein anderes beginnt.
Und vielleicht passt diese Vorstellung besonders gut zu Menschen, deren Leben so eng mit der Natur verbunden ist.
Denn in der Natur sehe ich eigentlich keine wirklichen Enden.
Nur Verwandlungen.
Um es mit den Worten der Menschen hier zusammenzufassen:
Ihr Leben ist nicht zu Ende.
Sie zieht nur in einen neuen Körper.
Wunderschön.
Wie Tar Geld verdient
Wir wechseln das Thema.
Er erklärt mir die Idee hinter Tar.
Das Dorf stand vor einem Problem, das viele abgelegene Orte kennen.
Junge Menschen ziehen in die Städte.
Keine Jobs.
Wenig Einkommen.
Kaum Zukunftsperspektiven.
Und wenn irgendwann die Menschen gehen, geht mit ihnen auch die Kultur.
Tar hat darauf eine interessante Antwort gefunden.
Warum den eigenen Lebensstil aufgeben?
Warum nicht genau diesen Lebensstil zu etwas Wertvollem machen?
Warum nicht Menschen von außen einladen, ihn kennenzulernen?
Die Idee lautet im Grunde:
Versuchen wir nicht einfach, wie die Städte zu werden.
Okay.
Internet, warmes Wasser und Strom behalten wir.
Aber vieles andere?
Das bewahren wir.
Und wir zeigen den Menschen, wie dieses Leben aussieht.
Der traditionelle Lebensstil selbst wird zu einer Einnahmequelle.
Eigentlich ziemlich clever.
Und offensichtlich funktioniert es.
Ich zahle hier mehr.
Und materiell betrachtet bekomme ich weniger.
Aber genau das ist in gewisser Weise das Produkt.
Insgesamt gibt es fünfzehn Häuser.
Etwa achtzig Menschen leben hier.
Besucher können sich nicht aussuchen, in welchem Haus sie übernachten.
Die Gäste werden nach einem Rotationssystem verteilt.
Jede Familie kommt einmal an die Reihe.

Und so wird mir ein Homestay zugeteilt.
Nicht alle Häuser sind gleich.
Später sehe ich Bilder von anderen und stelle fest:
Ich habe vermutlich nicht gerade die luxuriöseste Variante erwischt.
Meine Gastgeberin ist nicht mehr besonders mobil.
Sie hat Schmerzen.
Und ich bekomme das Gefühl, dass vieles für sie inzwischen einfach zu anstrengend geworden ist.
Gleichzeitig vermittelt mir gerade ihr Zuhause vielleicht am deutlichsten, was „lokaler Lebensstil“ tatsächlich bedeutet.
Und genau deshalb kommen die Menschen schließlich hierher.

Der Essraum wirkt zunächst relativ normal.
Vielleicht fällt euch rechts das Ofenrohr auf.
Viele Decken hier haben Öffnungen für solche Rohre.
Im Winter fallen die Temperaturen regelmäßig auf ungefähr minus 30 Grad Celsius.
Dann wird alles so dicht wie möglich verschlossen.
Und geheizt.
Anders geht es schlicht nicht.

Dann gehen wir nach oben.

Mein Zimmer ist wunderschön.
Obwohl ich später Fotos von anderen sehe, die sogar noch beeindruckender sind.

„Lokal“ ist ein besonders treffendes Wort für Waschraum und Toilette.
Ich liebe dieses Bild.
Links:
Toilette.
Rechts:
Waschraum.

Fließendes Wasser?
Nö.
Warmes Wasser?
Nöpilinö.
Jun hätte das sehen sollen.
Die moderneren lokalen Toiletten, die ich inzwischen kennengelernt habe, wirken dagegen wie ein Fünf-Sterne-Hotel.
Ich persönlich finde das System allerdings charmant.
Und eigentlich ist es ziemlich intelligent.
Denn wenn alles seinen Weg gegangen ist, entsteht daraus fruchtbarer Boden.
Trotzdem erlaubt mir eine ehrliche Frage:
Ist unsere ältere Generation in Deutschland vielleicht ähnlich aufgewachsen?
Es erinnert mich ein wenig an Taiwan.
Dort war ich überrascht, neben vielen Toiletten Behälter für benutztes Toilettenpapier zu sehen.
Das Abwassersystem kann verstopfen, weshalb Toilettenpapier nicht immer heruntergespült wird.
Für ein technologisch so hochentwickeltes Land hatte mich das damals überrascht.
Hier ist das Grundprinzip ähnlich.
Nur ...
sagen wir:
etwas rustikaler.
Und erstaunlicherweise hält sich der Geruch tatsächlich ziemlich in Grenzen.

Danach erkunde ich die Umgebung noch ein wenig und versuche, zum höchsten Punkt des Dorfes hinaufzukommen.
Ganz ehrlich?
Wenn man die touristischen Spots erkundet bestimmt sehenswert, wenn man durch die Berge wandert allerdings nicht besonders einzigartig.



Das Abendessen ist wieder richtig lecker.
Die Küche hier ist auf Gerichte spezialisiert, die den Körper wärmen und stärken sollen.
Und während ich dort sitze, kommt mir die ganze Situation plötzlich ein bisschen verrückt vor.
Ich teile einen Raum und eine Mahlzeit mit Menschen, die vor wenigen Stunden noch vollkommen Fremde waren.
Und trotzdem entsteht irgendwie Verbindung.
Vertrautheit.
Entspannung.
Frieden.
Nicht zum ersten Mal.
Nicht zum zehnten Mal.
Sondern immer und immer wieder.
Auf dieser Reise wahrscheinlich inzwischen hunderte Male.
Und ich frage mich:
Wie viel habe ich dadurch eigentlich gelernt?
Wie viel ruhiger bin ich geworden?
Wie viel habe ich darüber gelernt, mit anderen Menschen Verbindung aufzubauen?
Und dann noch eine andere Frage:
Wie viele Menschen würden sich überhaupt trauen, so etwas zu tun?
Einfach losgehen.
Bei einem fremden Menschen zu Hause ankommen.
Mit ihnen essen.
Unter ihrem Dach schlafen.
Ihre Rituale miterleben.
Für einen kurzen Moment ihr Leben teilen.
Ist das mutig?
Ist das ungewöhnlich?
Oder fühlt es sich für mich inzwischen einfach nur normal an, weil ich es schon so oft gemacht habe?
Vielleicht ist das eines der Dinge, die Reisen irgendwann verändern.
Nicht nur, was wir über andere Menschen denken.
Sondern auch, was wir selbst für möglich halten.
Nicht unbedingt, dass wir an Grenzen glauben.
Sondern, dass wir sie transzendieren.
Bevor wir schlafen gehen, vereinbaren wir:
Morgen werde ich gegen elf Uhr aufbrechen.
Und so endet mein Tag in Indiens „bestem Tourismusdorf“ nicht mit einer großen Sehenswürdigkeit.
Nicht mit irgendeinem spektakulären Aussichtspunkt.
Nicht mit einem perfekt inszenierten Bild von Tradition.
Sondern mit etwas viel Einfacherem.
Ich sitze im Haus eines fremden Menschen.
Unter Menschen, die Fremde waren.
Und es fühlt sich nicht mehr fremd an.
Gute Nacht!