Der Tag beginnt etwas turbulent.

Gestern konnte ich, wie ihr vielleicht verstehen könnt, nicht besonders viel schreiben.

Der Tag war nicht zum Schreiben gedacht.

Er war zum Zuhören gedacht.

Heute dagegen hatte ich geplant, noch eine weitere Nacht zu bleiben und den ganzen Tag in Ruhe zu nutzen.

Doch Wangchuk erinnert mich einmal mehr daran, dass das Leben andere Pläne hat.

Ruhe gibt es nicht.

Also beschließe ich zu gehen.

Wangchuk muss ohnehin in ein nahegelegenes Dorf und kann mich an einer Abzweigung absetzen.

Schon die Autofahrt ist herrlich absurd.

Wir sitzen da wie Reiter mit Lanzen.

Nur dass unsere Lanzen Metallstangen sind.

Und hinten auf dem Pickup springen noch fünf oder sechs weitere Leute dazu.

Sicherheitsgurte?

Aber natürlich.

Ordnungsgemäße Ladungssicherung?

Selbstverständlich.

TÜV-geprüft.

Ganz bestimmt.

Bevor wir uns trennen, bekomme ich noch eine Adresse.

Einen Ort, den ich besuchen soll, wenn ich sehen möchte, wie Ladakhis wirklich gelebt haben.

Denn laut Wangchuk sind viele Ladakhis in dieser Gegend mittlerweile gar nicht mehr so „authentisch ladakhisch“.

Heiße Duschen.

Schöne Badezimmer.

Moderne Kleidung.

Anderes Essen.

Die Kultur öffnet sich.

Der Ort heißt:

Tar Village.

Ausgezeichnet als bestes Tourismusdorf ganz Indiens.

Das ist mal eine Auszeichnung.

Und damit natürlich auch eine gewisse Erwartung.

Etwas, worauf ich mich während der drei- bis vierstündigen Wanderung freuen kann.

Ich starte an einer Brücke.

Einer richtigen Brücke.

Wie lange sie hält?

Wer weiß.

Ich für meinen Teil muss mein Vertrauen in Brücken erst wieder etwas aufbauen.

Was dabei nicht gerade hilft, ist der Fluss unter mir.

Der rast.

Das Wasser kommt aus Höhen von mehreren Tausend Metern herunter und schießt mit unglaublicher Kraft durchs Tal.

Da möchte man wirklich nicht hineinfallen.

Aber:

Die Brücke hält.

Schon einmal gut.

Eine Besonderheit von Tar:

Das alte Dorf ist nicht mit dem Auto erreichbar.

Früher führte der gesamte Weg als wunderschöner Wanderpfad hinauf.

Heute sind ungefähr 90 Prozent davon Straße.

Tar ist tatsächlich so abgelegen, dass sich das Dorf langsam aus den Bergen hinunter Richtung Fluss verlagert – dorthin, wo es direkten Straßenanschluss gibt.

Deshalb existieren heute gewissermaßen zwei Tar.

Das neue.

Und das alte.

Die Landschaft unterwegs ist surreal.

Am Anfang entdecke ich noch Teile des alten Wanderwegs.

Stellt euch vor, die komplette Strecke hätte einmal so ausgesehen.

Heute sind davon vielleicht noch zwanzig Minuten übrig.

Ganz unglücklich bin ich über die Straße allerdings nicht.

Denn dunkle Wolken begleiten mich ständig.

Ich rechne jederzeit mit Regen.

Und bei starkem Regen möchte man sich hier wirklich nicht tief unten in einem engen Tal befinden.

Wolkenbrüche können extrem gefährlich werden.

Das Wasser sammelt sich oberhalb und kommt dann praktisch als Flutwelle durchs Tal.

Ladakh verfügt deshalb inzwischen über ein eigenes Wetterwarnsystem.

Unterkunftsbesitzer, Guides, Fahrer und andere Beteiligte sind über Messenger-Gruppen miteinander verbunden und erhalten Warnungen, wenn problematische Wetterereignisse wahrscheinlicher werden.

Ziemlich sinnvoll in einer Landschaft wie dieser.

Mich faszinieren die Steine.

Mich faszinieren die Straßen.

Direkt in die Berge hineingeschnitten.

Immer wenn ich einen Platz finde, von dem aus ich bei Regen schnell aus dem Tal herauskäme, suche ich mir eine gemütliche Ecke und versuche etwas zu arbeiten.

Doch kaum öffne ich den Laptop ...

fallen Regentropfen.

Vielleicht nicht die allerbeste Idee.

Weiter.

Und wieder eines dieser Beispiele dafür, wie überraschend ähnlich die Vegetation hier teilweise der in Deutschland ist.

Aprikosen.

Walnüsse.

Beeren.

Äpfel.

Birnen.

Und einiges mehr.

Wer heißen Sommern und feuchtem Klima entkommen möchte:

Ladakh könnte euer Ort sein.

Je höher ich komme, desto enger wird das Tal.

Autos?

Irgendwann keine Chance mehr.

Sehr schön.

Bauarbeiter?

Überall in Ladakh.

Die Straßen erhalten sich schließlich nicht von selbst.

Keine Worte nötig.

Einfach den Stufen folgen.

Und für alle, die gerne Gesichter in der Natur entdecken:

In Steinen.

Bäumen.

Ästen.

Wolken.

Diese natürlichen Formen haben hier sogar einen Namen:

Rangjons.

Auf dem Weg nach oben begegnen mir erstaunlich viele Menschen, die gerade herunterkommen.

Sie erzählen mir, dass sie aus Tar sind.

Heute findet dort ein Gebet statt.

Als ich später das Dorf erreiche, verstehe ich besser, was sie meinen.

Viele Menschen sind zusammengekommen.

Es ist kein gewöhnlicher Tag.

Es ist ein besonderer Tag.

Fast sogar ein feierlicher.

Was mich zunächst überrascht.

Aber dazu gleich mehr.

Irgendwann erreiche ich schließlich den angekündigten Eingang von Tar.

Ein wirklich schönes Schild heißt mich willkommen.

Orientierungswert?

Null.

Künstlerischer Wert?

Hundert.

Das Erste, was mir danach auffällt, ist für ein angeblich so traditionelles Dorf ebenfalls interessant:

Photovoltaik.

Solaranlagen.

Und ein Mobilfunkmast.

Auf manches wollen offenbar auch die Hüter der Tradition nicht mehr verzichten.

Witzigerweise habe ich dort trotzdem keinen Empfang.

Ich laufe ein bisschen herum.

Einen wirklichen Empfang für Besucher gibt es zunächst nicht.

Und ganz ehrlich:

Auf den ersten Blick wirkt Tar auch gar nicht so außergewöhnlich.

Nicht stiller.

Nicht unbedingt charmanter.

Nicht ursprünglicher als beispielsweise das Skarat-Pa-Homestay.

Es ist zunächst einfach ein Dorf in den Bergen.

Allerdings eines, das von drei gewaltigen Bergen umschlossen wird.

Dann höre ich Stimmen.

Also folge ich ihnen.

Ich gehe in Richtung der Menschenmenge.

Man bedeutet mir, mich hinzusetzen.

Ich bekomme Tee.

Kekse.

Später Essen.

Und langsam beginne ich zu verstehen, was hier eigentlich passiert.

Ist das ...

eine Beerdigung?

Nicht ganz.

Aber ich liege nah dran.

Es sind 49 Tage vergangen, seit ein Mensch aus dem Dorf gestorben ist.

Und am 49. Tag kommt die Gemeinschaft zusammen.

Den ganzen Tag über finden im Haus Rituale statt.

Menschen kommen und gehen.

Es wird gegessen.

Gebetet.

Zusammengesessen.

Keine schwarz-weiße Trauerwelt.

Viele tragen traditionelle Kleidung.

Farben.

Leben.

Fast etwas Feierliches.

Und falls ihr euch fragt, wie ein Todestag gleichzeitig etwas Feierliches haben kann:

Aus buddhistischer Sicht endet mit dem Tod nicht einfach alles.

Die Handlungen dieses Lebens beeinflussen das nächste.

Wer ein gutes Leben geführt hat, hofft auf eine günstige Wiedergeburt.

Und offenbar herrscht hier genau dieses Vertrauen.

Vielleicht kann man es ein bisschen mit einem Studienabschluss vergleichen.

Ein Kapitel endet.

Das nächste beginnt.

Und vielleicht passt das besonders gut zu Menschen, deren Leben so eng mit der Natur verbunden ist.

Denn in der Natur gibt es eigentlich keine wirklichen Enden.

Nur Veränderungen.

Ich werde zum Mittagessen eingeladen.

Die Atmosphäre ist faszinierend.

Irgendwann setzt sich auch der Community Manager neben mich.

Und er erklärt mir das Konzept hinter Tar.

Das Dorf stand vor einem Problem, das viele abgelegene Orte kennen.

Die jungen Menschen ziehen in die Städte.

Keine Jobs.

Wenig Einkommen.

Kaum Perspektiven.

Und irgendwann verschwindet mit den Menschen auch die Kultur.

Tar hat darauf eine interessante Antwort gefunden.

Warum den eigenen Lebensstil aufgeben?

Warum nicht genau ihn zum Wert machen?

Warum nicht Menschen von außen einladen, ihn kennenzulernen?

Im Grunde lautet die Idee:

Lasst uns nicht einfach versuchen, wie die Städte zu werden.

Okay.

Internet, warmes Wasser und Strom nehmen wir trotzdem.

Aber vieles andere bewahren wir.

Und genau dieses Leben zeigen wir Besuchern.

Der traditionelle Lebensstil selbst wird damit zur Einnahmequelle.

Eigentlich ziemlich clever.

Und offensichtlich funktioniert es.

Ich zahle hier mehr.

Und bekomme materiell betrachtet weniger.

Doch genau das ist ja gewissermaßen das Produkt.

Das Dorf besteht aus insgesamt fünfzehn Häusern.

Etwa 80 Menschen leben hier.

Als Gast kann man sich seine Unterkunft nicht aussuchen.

Die Besucher werden nach einem festgelegten System auf die Häuser verteilt.

Jede Familie kommt an die Reihe.

Und so bekomme auch ich mein Homestay zugeteilt.

Nicht alle Häuser sind gleich.

Später sehe ich Bilder von anderen Unterkünften und stelle fest:

Ich habe wohl nicht gerade das luxuriöseste Los gezogen.

Meine Gastgeberin ist nicht mehr besonders mobil.

Sie hat Schmerzen.

Und ich habe das Gefühl, dass vieles für sie inzwischen ziemlich anstrengend geworden ist.

Gleichzeitig vermittelt mir gerade ihr Haus sehr deutlich, was mit „lokalem Lebensstil“ gemeint ist.

Und genau dafür kommen die Menschen schließlich hierher.

Der Essraum wirkt zunächst relativ normal.

Vielleicht fällt euch rechts der Kamin beziehungsweise das Ofenrohr auf.

In vielen Decken befinden sich Öffnungen für solche Rohre.

Im Winter sinken die Temperaturen regelmäßig auf etwa minus 30 Grad.

Dann wird alles möglichst gut abgedichtet.

Und geheizt.

Anders geht es hier schlicht nicht.

Dann gehen wir nach oben.

Mein Zimmer ist wunderschön.

Wobei ich später andere sehe, die sogar noch schöner sind.

„Lokal“ trifft allerdings besonders gut auf Badezimmer und Toilette zu.

Ich liebe dieses Bild.

Links:

Toilette.

Rechts:

Waschraum.

Fließendes Wasser?

Nö.

Warmes Wasser?

Nöpilinö.

Jun hätte das sehen sollen.

Die moderneren lokalen Toiletten, die ich inzwischen kennengelernt habe, wirken dagegen wie ein Fünf-Sterne-Hotel.

Ich persönlich finde dieses System sogar charmant.

Und eigentlich ist es ziemlich intelligent.

Denn am Ende entsteht aus allem fruchtbarer Boden.

Trotzdem erlaubt mir eine ehrliche Frage:

Seid ihr wirklich auch so aufgewachsen?

Denn an diesem Punkt beginnt für mich die interessante Frage, was „authentisch“ überhaupt bedeutet.

Ist etwas authentisch, weil Menschen heute freiwillig so leben?

Oder weil Besucher genau dieses Bild eines traditionellen Lebens erwarten?

Es erinnert mich ein wenig an Taiwan.

Dort war ich überrascht, neben vielen Toiletten einen Eimer für Toilettenpapier zu sehen.

Das Abwassersystem kann verstopfen, deshalb wird Toilettenpapier teilweise nicht heruntergespült.

Für ein technologisch so hochentwickeltes Land hatte mich das damals überrascht.

Hier gibt es im Grunde dasselbe Prinzip.

Nur ...

sagen wir:

etwas rustikaler.

Und erstaunlicherweise hält sich der Geruch tatsächlich in Grenzen.

Danach erkunde ich die Umgebung noch ein wenig und versuche, zum höchsten Punkt des Dorfes hinaufzukommen.

Ganz ehrlich?

Spektakulär finde ich es dort oben nicht unbedingt.

Am Abend gibt es wieder richtig gutes Essen.

Die Küche hier ist auf Gerichte spezialisiert, die wärmen und dem Körper Kraft geben.

Und während ich dort sitze, kommt mir die ganze Situation plötzlich ein bisschen verrückt vor.

Ich sitze mit Menschen zusammen, die mir wenige Stunden zuvor vollkommen fremd waren.

Und trotzdem entsteht Nähe.

Vertrautheit.

Entspannung.

Frieden.

Nicht zum ersten Mal.

Nicht zum zehnten Mal.

Sondern mittlerweile immer und immer wieder.

Auf dieser Reise wahrscheinlich hunderte Male.

Und ich frage mich:

Wie viel habe ich dadurch eigentlich gelernt?

Wie viel ruhiger bin ich geworden?

Wie viel habe ich darüber gelernt, mit Menschen in Verbindung zu treten?

Und dann noch eine andere Frage:

Wie viele Menschen würden sich auf so etwas überhaupt einlassen?

Einfach losgehen.

Bei Fremden auftauchen.

Mit ihnen essen.

In ihren Häusern schlafen.

Ihre Rituale miterleben.

Ihr Leben für einen kurzen Moment teilen.

Ist das mutig?

Ist das ungewöhnlich?

Oder erscheint es mir inzwischen einfach nur normal, weil ich es so oft gemacht habe?

Vielleicht verändert Reisen irgendwann genau das.

Nicht nur, was man über andere Menschen denkt.

Sondern auch, was man selbst für möglich hält.

Bevor ich schlafen gehe, vereinbaren wir:

Morgen breche ich gegen elf Uhr auf.

Und damit endet mein Tag in Indiens „bestem Tourismusdorf“ nicht mit einer großen Sehenswürdigkeit.

Nicht mit einem spektakulären Aussichtspunkt.

Nicht mit irgendeiner perfekten Inszenierung von Tradition.

Sondern mit etwas viel Einfacherem.

Ich sitze in einem fremden Haus.

Bei fremden Menschen.

Und es fühlt sich nicht fremd an.

Gute Nacht!

Felix Ast
Felix Ast
Autor · Sprecher · Innovator
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