Was für ein Cliffhanger.

Allein.
Mit einem Mädchen.
In einem Zimmer.
Und kein Schlaf.

Wir wissen alle, was ihr gedacht habt.

Hab ich euch erwischt, oder?

...

Aber ich habe euch reingelegt.

Der Grund, warum ich nicht schlafen konnte, war nämlich eher ironisch. Wahrscheinlich gibt es kaum eine effektivere Methode, sich unfreiwillig sehr schnell kennenzulernen.

Ich lag in einem Hostelzimmer, war erkältet und nachts wegen der Höhe sowieso ständig durstig. Dann erreichte meine Erkältung auch noch ihren Höhepunkt: Alle 30 Minuten wachte ich auf, der Hals kratzte, die Nase lief und gleichzeitig war die Luft so trocken, dass sie wieder verstopfte. Und dann quietschte auch noch das Bett.

Von allen möglichen störenden Geräuschen habe ich vermutlich mindestens die Hälfte abgedeckt. Ich garantiere euch: Es gibt angenehmere Arten, Zeit mit mir zu verbringen.

Vor allem tat es mir leid, weil ich nicht nur selbst nicht schlafen konnte, sondern wahrscheinlich auch ihre Nacht ruinierte. Mit indischen Jungs ein Zimmer zu teilen? Kein Problem. Neben denen könnte vermutlich eine Bombe einschlagen und sie würden weiterschlafen. Aber mit einer mir völlig unbekannten, allein reisenden indischen Frau ein Zimmer zu teilen, war ein gewaltiger Kontrast zu meinen bisherigen Erfahrungen.

Ich wollte einfach nur schlafen, also probierte ich wirklich alles. Auf der Seite. Auf dem Bauch. Auf dem Rücken. Im Sitzen. Weiter unten im Bett. Wieder andersherum.

Ich glaube, irgendwann gegen vier oder fünf Uhr morgens bekam ich dann tatsächlich etwas Schlaf.

Ihr könnt euch also vorstellen, wie erholt ich am nächsten Morgen war.

Mein Plan für den Tag war simpel: einen kleineren Rucksack besorgen und beim Tourist Office die Genehmigungen beantragen, die man braucht, wenn man tiefer ins Land hineinwill. Einfach – aber offen genug, um überrascht zu werden.

Und überrascht wurde ich.

Ich kam nämlich nicht besonders weit, bis mir ein ganz bestimmter Laden ins Auge fiel. Ich blieb stehen, ging hinein – und kam ungefähr sechs Stunden später wieder heraus.

Dort drinnen waren sich zwei alte Seelen begegnet und hatten einige Gedanken und Lehren ausgetauscht.

Meine Damen und Herren:

Darf ich vorstellen:

Arif.

Vor allem veränderte er meine Sicht auf die kargen Berge Ladakhs. Er sagte, dass er sie grünen und farbenfrohen Bergen sogar vorzieht, weil sie ihn stärker zu sich selbst führen.

Sie lenken weniger ab.

Das fand ich faszinierend, denn schon nach fünf Minuten hier hatte ich gedacht:

„Okay ... die Berge sind irgendwie ein bisschen langweilig.“

Und wenn ich ehrlich bin:

Sie. sind. langweilig.

Und genau das ist gut für Menschen, die spirituell suchen.

Arif gab mir außerdem einen Hinweis auf einen besonderen Ort, den ich besuchen sollte:

Zanskar.

Genau das Tal, in das ich von Anfang an wollte. Genau der Ort, zu dem Melroy und ich schon am ersten Tag einen ziemlich deutlichen Hinweis bekommen hatten:

Zanskar ist nur etwas für die Mutigen.

Wer weiß, was mich dort erwartet.

Und Arif gab mir sogar einen Namen. Den Namen des außergewöhnlichsten Mönchs, dem er jemals begegnet war.

Ein Mönch, der sein Leben vollständig Frieden, Mitgefühl, Selbstlosigkeit, Meditation und Verbundenheit gewidmet hatte. Ein Mönch, der gleichzeitig entschieden hatte, dass eine Familie ihn auf seinem Weg nicht behindert, sondern unterstützt. Ein Mönch, der genau deshalb aus allen Klöstern ausgeschlossen worden war.

Ein Mönch mit tiefen Einsichten.

Und mit ungewöhnlichen Perspektiven auf viele Dinge.

Eine davon betraf den Klimawandel. Er beschrieb ihn auf eine vollkommen andere Art. Nach der Sichtweise, die Arif mir schilderte, und ähnlich wie in verschiedenen alten spirituellen Traditionen, werde Wetter von Naturkräften oder Naturgeistern beeinflusst. Geschichten über Regengebete findet man beispielsweise in vielen Kulturen.

Der Mönch war für sich zu der Überzeugung gekommen, dass wir verlernt hätten, mit jenen Kräften in Verbindung zu treten, die das Wetter im Gleichgewicht halten. Klimawandel war für ihn deshalb nicht nur ein physisches Phänomen, sondern auch ein Spiegel unserer Lebensweise und unserer zunehmenden Trennung von der Natur.

Wie und warum genau sich das Klima verändert, darüber kann man diskutieren. Ich behaupte hier gar nichts. Ich wollte euch diese ungewöhnliche Perspektive einfach mitgeben, weil ich sie bemerkenswert fand und weil sie zumindest genug Parallelen zu alten Vorstellungen hat, um neugierig zu machen und weiterzufragen.

Die Veränderungen des Wetters verursachen hier jedenfalls ganz konkrete Probleme. Die Häuser sind nicht für viel Regen gebaut, aber der Regen nimmt zu. Die Winter werden weniger hart, die Sommer heißer.

Wobei Letzteres für die Menschen hier nicht ausschließlich negativ sein muss. Normalerweise können die Winter Temperaturen von etwa minus 30 Grad erreichen, Wasser friert ein, während die Sommer vielleicht um die 20 Grad liegen.

Vielleicht – nur vielleicht – gehört Ladakh sogar zu den Regionen, in denen bestimmte klimatische Veränderungen das Leben teilweise erleichtern könnten.

Aber auch hier müssen sich die Menschen anpassen.

Denn Veränderung findet statt.

Leider erzählte Arif mir dann noch etwas anderes. Als er den Mönch zuletzt besuchen wollte, lebte dieser nicht mehr.

Aber Arif gab mir trotzdem seinen Namen und den Ort, an dem er gelebt hatte. Denn er hat Familie. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch sie einige interessante Dinge zu erzählen haben.

Wie immer gilt:

Gute Gespräche lieben gutes Essen.

Also holte ich irgendwann etwas zu essen und folgte Arifs Empfehlung für einen lokalen Laden. Allein diesen Ort zu finden, war schon ein kleines Abenteuer. Und als ich ihn schließlich fand, stellte er sich als echte Schatzkiste heraus.

Schon der Weg dorthin war ziemlich cool.

Der Baum, den ihr hier seht, gehört zu einem der heiligsten Orte des Sikhismus. Generell faszinierte mich, wie gut die religiösen Gegensätze hier miteinander funktionieren.

Christen, Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten und Sikhs leben hier nebeneinander.

Ein ziemlich gutes Beispiel für Indiens Motto:

Unity in Diversity.

Einheit in Vielfalt.

Allerdings verlief ich mich zunächst, musste zurück und Arif führte mich schließlich zu dem Restaurant, das er tatsächlich gemeint hatte.

Unter normalen Umständen würde dort vermutlich kaum ein Tourist hingehen. Erstens würde man es überhaupt nicht finden. Und zweitens würde man wahrscheinlich gar nicht auf die Idee kommen, hineinzugehen.

Dort essen hauptsächlich Einheimische.

Warum?

Weil das Essen gut ist.

Und genau nach solchen Orten suche ich.

Nicht nach den glänzenden.

Nach den echten.

Das Restaurant lag im zweiten Stock. Selbst die Ladenbesitzer im Erdgeschoss wussten nicht genau, wo der Eingang war. Ich musste eine Treppe hinauf.

Dann durch diese wunderschöne Lobby:

Und am Ende wurde ich mit diesem gemütlichen Ort belohnt:

Lustiges Detail: Seht ihr die kleine Öffnung in der Wand unter dem blauen Himalaya-Bild?

Das war das Bestellfenster. Dort bestellte man das Essen, dort konnte man direkt in die Küche schauen, dort kam das Essen heraus – und dort verschwand auch das Geld.

Ich holte Momos für Arif und mich. Und vorsichtshalber noch eine dritte Portion.

Dann ging ich zurück. Wir aßen. Und redeten weiter.

Ich glaube, an diesem Tag habe ich den Rucksack gar nicht mehr gekauft. Und ich glaube auch, dass ich es nicht mehr zum Tourist Office geschafft habe.

Die Gespräche waren einfach zu bereichernd.

Irgendwann standen wir schon draußen und wurden dort Zeugen von etwas absolut Großartigem.

Schaut euch dieses Bild an:

Seht ihr das weiße Auto mit den Leuten drumherum?

Jemand hatte es tatsächlich genau dort geparkt.

Mitten auf einer Kreuzung.

Und weil derjenige offenbar wusste, dass er möglicherweise andere blockieren würde, ließ er einfach das Fenster offen.

Damit jemand hupen konnte.

Und genau das passiert auf dem Bild. Der Typ im schwarz-weißen Shirt drückt auf die Hupe.

Einerseits war es ziemlich nervig, weil der Besitzer des Autos einfach nicht auftauchte. Der arme Kerl musste also laaaaaange hupen und die Hupe war laut.

Andererseits konnte ich einfach nicht glauben, dass das hier offenbar tatsächlich eine funktionierende Lösung ist.

Die dritte Portion Momos brauchten wir übrigens nicht.

Irgendwann verabschiedete ich mich und ging wieder den Berg hinauf, um ein bisschen zu schreiben.

Kühe segneten die Straße.

Indien.

Ich aß meine Momos oben am Berg und traf wieder ein paar Leute, die Lust auf Gespräche hatten. Irgendwann wurde es kalt, also ging ich nach Hause.

Es war spät.

Und ich schlief.

Dieses Mal war das Zimmer allerdings komplett voll.

Und genau dann konnte ich mich entspannen.

Und tatsächlich ziemlich gut schlafen.

Zum ersten Mal.

In Ladakh.

Felix Ast
Felix Ast
Autor · Sprecher · Innovator
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