Ich bin in Leh. Der Hauptstadt von Ladakh.

Und ich habe nicht wirklich gut geschlafen. Mitten in der Nacht wachte ich durstig auf – was wegen der Höhe ziemlich normal ist. Wegen meiner Erkältung musste ich außerdem immer wieder meine Atemwege freibekommen. Und dann war da noch die Energie des Gebäudes.

Irgendetwas fühlte sich einfach nicht richtig an.

Deshalb wollte ich mein Hostel wechseln. Es war nicht schlecht oder so. Der Vibe war einfach nicht meiner. Zu schnell für mich. Viele Ausländer, die meisten auf der Suche nach den üblichen Orten, und es war laut.

Für den Anfang war es ein großartiger – und genau der richtige – Ort gewesen. Um zu hören, was andere gemacht hatten, wie man sich hier bewegt, wie alles funktioniert und so weiter und so fort.

Aber tief in mir wusste ich:

Ich will hier weg.

Wohin?

Das blieb erstmal eine offene Frage. Ich hatte wirklich Schwierigkeiten, in Leh eine Unterkunft zu finden, die sich richtig anfühlte. Im Grunde gab es zwei Kategorien: Entweder die besseren Hotels, in denen ich mich ebenfalls nicht wohlgefühlt hätte, weil ich dort alleine gewesen wäre. Oder Hostels und Homestays, die wiederum ihre eigenen Schwächen hatten.

Das Hostel, in dem ich gerade war, hatte zum Beispiel kein warmes Wasser.

Obwohl es damit geworben hatte.

Also checkte ich um 10 Uhr aus. Eigentlich wollte ich direkt los, aber dann kamen ein paar Jungs nach unten und wir begannen Tischtennis zu spielen.

Und das machte richtig Spaß.

Einen von ihnen kannte ich noch nicht:

Pradeep

Schriftsteller. Dichter. Gelehrter.

Beim Tischtennis glänzten er und sein taiwanesischer Teampartner, der mich auf so viele Arten an Robin erinnerte, allerdings etwas weniger.

Wir gewannen irgendwie 4:1 nach Sätzen oder so.

Keine Ahnung, wie das passiert ist, denn der Taiwanese war eigentlich ziemlich gut.

Aber gewinnen war sowieso nicht mein Ziel.

Ich wollte einfach eine gute Zeit haben.

Und die hatten wir.

Nach mindestens zwei Stunden Tischtennis saßen Pradeep und ich in der Lobby und unterhielten uns. Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass ich ein besonders tiefgründiger Denker bin.

Das änderte sich ungefähr drei Minuten später.

Als ich das Wort „Bewusstsein“ benutzte.

Dann öffnete er sich wirklich.

Und drei Dinge brachte er auf eine Art und Weise auf den Punkt, die mir besonders hängen geblieben ist.

AUM

Zuerst erzählte er etwas über Om.

Er sagte, eigentlich werde es nicht einfach „Om“ geschrieben.

Es seien vier Bestandteile:

A U M ...

und dann ...

Stille.

AUM .

Für ihn beschreibt das zwei Ebenen der Existenz.

Die horizontale.

Und die vertikale.

A und U bilden die horizontale Ebene, also die X-Achse. A auf der linken Seite beschreibt Materie. U auf der rechten Seite das Subjekt.

Materie ist klar.

Die Subjekte sind wir.

Diejenigen, die handeln, erleben, wahrnehmen.

M und die Stille bilden dagegen die vertikale Ebene, also die Y-Achse. M steht unten für das Unterbewusstsein. Ganz oben steht die Stille.

Auch hier, erklärte er, gelte wieder:

Je kraftvoller oder feiner Energien werden, desto leiser, subtiler und stiller werden sie.

Ich fand es ziemlich cool, dass die Stille selbst dadurch Teil von AUM wird.

Pradeep sagte weiter, dass sich die meisten Menschen – ohne dass das gut oder schlecht, richtig oder falsch wäre – hauptsächlich auf der horizontalen Ebene bewegen.

Und weil AUM gleichzeitig die Materie als große Illusion beschreibt, steckt darin noch eine weitere Ebene dieses unglaublich tiefen Symbols und Klanges.

Wir sprachen über alle möglichen Dinge.

Und eines davon war besonders, besonders tiefgründig:

„Willst du was essen?“

Er so:

Nein, nein.

Er habe keinen Hunger.

Aber er kommt mit.

„Kein Hunger“ war gut.

Denn am Ende aß er mehr als ich.

Fairerweise muss man sagen:

Das vegetarische Biryani war wirklich gut.

Das ist übrigens etwas, das mir hier sofort aufgefallen ist. Die vegetarischen Optionen sind richtig gut.

Schon bevor ich herkam, hatte ich beschlossen, hier vegetarisch zu essen.

Erfahrung ist subjektiv

Gute Gedanken lieben gutes Essen.

Und während ich offenbar ein paar interessante Gedanken für ihn hatte, nahm ich aus unserem Gespräch noch zwei weitere Dinge für mich mit.

Eines davon drehte sich um Erfahrung.

Obwohl mir natürlich klar war, dass Wahrnehmung subjektiv ist, sprachen wir ausführlicher über Erfahrung und Bewusstsein.

Pradeep fragte:

„Wie kommen wir eigentlich darauf, festzulegen, was Dinge sind?“

„Für einen Hund sieht eine Blume anders aus, oder?“

„Für eine Katze sehen Farben anders aus, oder?“

„Für jedes Lebewesen – JEDES Lebewesen – erscheint Materie anders.“

„Wie kommen wir also darauf zu glauben, dass wir recht haben?“

„Wie kommen wir darauf zu glauben, dass wir wissen, was richtig ist?“

Dann sagte er:

„Schau.

Eine blaue Jeans ist nicht blau.
Sie ist blau – für dich.

Essen ist nicht lecker.
Es ist lecker – für dich.

Wasser ist nicht kalt.
Es ist kalt – für dich.

Licht ist nicht hell.
Es ist hell – für dich.

Nichts ist gut oder schlecht.
Es ist gut oder schlecht – für dich.

Nichts ist richtig oder falsch.
Es ist richtig oder falsch – für dich.“

Im Grunde ist alles und jeder. Einfach. Unsere Wahrnehmung ist subjektiv. Und sobald wir das wirklich verstehen, wird vielleicht klarer, warum man von Illusion sprechen kann. Es ist das, was wir wahrnehmen. Aber nicht zwangsläufig das, was tatsächlich ist.

Und tiefer zu gehen – sich von A und U wegzubewegen, von M hinein in die Stille – ermögliche es, die wahre Natur der Dinge immer klarer wahrzunehmen.

Was soll ich sagen?

Was er sagte, hat bei mir etwas getroffen. Ob es für jeden richtig ist oder nicht, spielt dabei gar keine große Rolle.

Und bevor wir uns trennten, erzählte er mir noch eine Geschichte. Eine alte Geschichte. Und die sollte mich für die nächsten Stunden begleiten:

Es geht um einen Sohn, der alles wissen wollte.

Einen Sohn, der seinen Vater stolz machen wollte.

Einen Sohn, der nicht aufhören würde, bis er sein Ziel erreicht hatte.

Um alles über diese Welt zu lernen, zog er in alle Winkel der Erde. Er lernte alles, was er finden konnte. Jahr für Jahr für Jahr lebte er so. Er wurde klüger und klüger und klüger. Sammelte immer mehr Wissen. Bis irgendwann nichts mehr übrig war, das er noch lernen konnte. Er wusste alles. Triumphierend kehrte er zu seinem Vater zurück und verkündete:

„Vater, jetzt weiß ich alles. Stell mir irgendeine Frage und ich werde dir die Antwort geben.“

Der Vater war erschrocken. Wie konnte sein Sohn so arrogant geworden sein? Wie konnte er glauben, wirklich alles zu wissen? Also wollte er ihm eine Lektion erteilen und stellte ihm eine einfache Frage:

„Was ist das eine, das du wissen musst, um alles zu kennen? Und was ist das selbe eine, wenn du es nicht weißt, dass du überhaupt nichts weißt?“

Der Sohn war ratlos. Er ging alles durch, was er gelernt hatte. Aber irgendwann musste er zugeben:

„Vater, was für eine Frage. Ich kenne die Antwort nicht. Aber keine Sorge. Ich werde sie finden.“

Und so machte sich der Sohn erneut auf die Suche. Nach Monaten kam er zurück. Frustriert. Ohne Antwort. Er musste akzeptieren, dass er eben doch nicht alles wusste.

Sein Vater fragte:

„Sohn, siehst du jetzt, wie arrogant du geworden bist?“

„Du hast Wissen gesammelt, aber weise bist du nicht geworden.

Du hast Wissen gesammelt, aber das eine, das dir geholfen hätte, dieses Wissen wirklich zu verstehen und zu nutzen, hast du nicht gelernt.“

„Ich muss zugeben, dass du recht hast. Es tut mir leid, Vater. Alles, was ich wollte, war, dich stolz zu machen.“

Der Vater antwortete:

„Sohn, es gibt nichts, was du tun könntest, das mich nicht stolz auf dich machen würde. Du bist mehr, als ich mir jemals von einem Sohn hätte wünschen können. Also lerne jetzt Folgendes.“

„Das eine, das dich alles verstehen lässt, wenn du es kennst. Und das eine, ohne das du nichts wirklich kennst, ist ...“

...

..

.

„Du selbst.“

Das ist die Geschichte.

Und ich liebe sie.

Ich habe einfach so ein Gefühl, dass die Welt noch mehr von Pradeep hören wird. Er weiß zu viel. Sieht zu viel. Kümmert sich zu sehr. Wir machten noch das Foto und dann trennten sich unsere Wege wieder. Er ging zurück zum Hostel. Ich ging geradewegs hinein ins Unbekannte.

Ich wollte eine neue Unterkunft finden.

Und außerdem hatte ich den Hinweis bekommen, die Ladakh Buddhist Association – kurz LBA – aufzusuchen, um mehr über meinen Plan herauszufinden, in abgelegenen Klöstern zu bleiben und dort Einblicke in das Leben zu bekommen.

Also lief ich.

Und lief.

Und lief.

Und lief.

Ich würde das offiziell als meine erste richtige Wanderung in Ladakh bezeichnen.

Nur eben nicht in den Bergen.

Sondern mitten in Leh, während ich mich gleichzeitig an die Höhe gewöhnte.

Und eigentlich finde ich das ziemlich cool.

Denn dadurch bekam ich viel mehr Verbindung zu dem Ort, an dem ich tatsächlich war.

Und viel mehr Orientierung.

Bei den Unterkünften hatte ich wie gesagt online gesucht. Aber ganz ehrlich: Nichts rief wirklich nach mir. Es war überraschend schwierig, etwas zu finden, das einfach passte. Und ganz automatisch zog es mich dadurch immer weiter aus der Stadt hinaus.

Für die ersten Tage war Leh trotzdem mein sicherer Hafen. Von hier aus konnte ich verstehen, wie Ladakh funktioniert.

Ich hatte ein paar Unterkünfte vorausgewählt, wollte sie mir aber persönlich ansehen und schauen, wie sie sich anfühlen.

Perfekt.

Denn ich musste sowieso die LBA finden.

Beides ließ sich miteinander verbinden.

Die Ladakh Buddhist Association

Zuerst musste ich einfach nur durch die Innenstadt spazieren.

Nichts allzu Verrücktes.

Leh hat ungefähr 300.000 Einwohner und von meinem ersten Hostel bis ins Zentrum waren es vielleicht 25 bis 30 Minuten zu Fuß. Mit meinem Rucksack. Für viele, gerade für locals, zu anstrengend.

Der lustige Teil begann danach.

Online fand ich praktisch nichts über die LBA.

Keine vernünftige Adresse.

Keine Öffnungszeiten.

Nichts.

Also fragte ich.

Und fragte.

Und fragte.

Und wurde ständig in unterschiedliche Richtungen geschickt.

„Ahhh ja, die ist am Polo Ground.“

Am Polo Ground:

„Die LBA? Hier? Nein, nein. Du musst zurück ins Stadtzentrum, beim Postamt.“

Beim Postamt:

„Wer hat dich denn hierher geschickt? Die LBA ist am Polo Ground.“

Der Polo Ground ist ein riesiger Parkplatz.

Und nicht einmal die Einheimischen dort wussten wirklich, wo ich hinmusste.

Seht selbst:

Die LBA war so gut versteckt, dass irgendwann sogar eine buddhistische Nonne mit mir gemeinsam auf die Suche ging.

Am Ende fand ich zwei junge Leute. Die Mutter von einem der beiden war Stadtführerin und lotste ihn am Telefon Schritt für Schritt zum richtigen Ort.

Das kostete die beiden locker dreißig Minuten.

Aber für sie war das offenbar überhaupt keine Frage.

Einfach helfen.

Wirklich lieb.

Und jetzt kommt der Knaller:

Die LBA war tatsächlich nicht direkt am Polo Ground.

Sondern ein kleines Stück daneben.

Eine Treppe hoch.

In irgendeinem unscheinbaren Gebäude.

Versteckt hinter einer Schule.

Und irgendwann:

fand ich sie.

Aber offenbar wissen nur Gott und die wirklich Entschlossenen, wie man diesen Ort findet.

Und ich war entschlossen.

Denn die Klosterbesuche waren nicht der einzige Grund, warum ich dorthin wollte.

Was ich wirklich vorhatte, hatte ich bis jetzt vor euch geheim gehalten.

Ich hatte Papa gefragt, ob er gerne den Segen von Mönchen bekommen würde.

Er sagte ja.

Was er allerdings nicht wusste ...

Ich hatte die Möglichkeit, nicht einfach irgendeinen Mönch zu treffen.

Sondern DEN Mönch.

Da ich ihn jetzt tatsächlich treffen werde, kann ich es endlich sagen:

Am 17. August habe ich eine Audienz bei Seiner Heiligkeit, dem 14. Dalai Lama von Tibet.

Ich hatte um seinen Segen für Papa und für Light on German gebeten.

Mein Motto war:

„Verdienen kommt vom Dienen.“

Sie haben zugesagt.

In dem Moment, in dem ich hörte, dass der Dalai Lama gerade einmal neun Kilometer von mir entfernt sein würde, wusste ich, dass ich es versuchen will.

Ich wusste:

Das würde meinen Aufenthalt in Ladakh noch einmal besonderer machen.

Bis zu diesem Termin zu kommen, war allerdings etwas aufwendiger, als nur halb Leh nach einem Büro abzusuchen.

Denn was dort passierte, war irgendwie ziemlich bizarr.

Erstens half mir der Mitarbeiter eigentlich kaum weiter. Er zeigte nur auf eine E-Mail-Adresse und erklärte, dass ich alles Weitere dort anfragen müsse.

Zweitens war ich offenbar außerhalb der eigentlichen Bürozeiten angekommen.

Und der Mitarbeiter war nur noch wegen etwas dort geblieben ...

etwas Überraschendem.

Ich saß im Raum.

Ein Mann kam herein.

Er öffnete seine Tasche.

Darin befand sich eine Plastiktüte.

Ich hörte das Rascheln, während er etwas herauszog.

In der Luft lag der Duft von Kardamom und Chai.

Das Licht war relativ gedämpft.

Vor der Tür hörte ich Menschen warten.

Und einen Moment später sah ich, was sich in der Tüte in der Tasche befand.

Zwei Stapel 500-Rupien-Scheine.

Mindestens zehn Zentimeter dick.

Das war eine Menge Geld.

Der Mann selbst wirkte überhaupt nicht besonders reich.

Es sah eher so aus, als würde er einen riesigen Teil von dem spenden, was er besaß – für den Buddhismus.

Wer weiß, was mit diesem Mann passiert.

Meine Vermutung, nach so einem göttlichen Einsatz:

Sofortige Erleuchtung.

Oder vielleicht funktioniert das nicht so?

Eine Unterkunft finden

Von meinem jetzigen Standort aus lag eine der Unterkünfte, die ich vorausgewählt hatte, ganz in der Nähe.

Also ging ich hin.

Und die Straßen wurden enger.

Und enger.

Und enger.

Bis irgendwann keine Straße mehr da war.

Und auch kein Homestay.

Ich dachte mir:

Hm.

Es ist zwar schon ziemlich spät, aber ein bisschen Energie habe ich noch.

Die einzige Herausforderung:

Die anderen Unterkünfte, die ich mir ausgesucht hatte, lagen auf der anderen Seite des Berges.

Ich mochte den Gedanken.

Training für die richtigen Berge.

Mit meinem kompletten Gepäck.

Im 65-Liter-Rucksack.

Und der Weg nach oben sollte sich als absolut wunderschön herausstellen.

Ich traf Einheimische.

Ich traf echte Fünf-Sterne-Köche.

Ich traf zufällige Steine.

Ich traf den örtlichen Palast.

Ich traf meinen ersten richtigen Sonnenuntergang in Leh.

Ich traf mich selbst.

Ich traf meine erste richtige Gompa. (Mein erstes Kloster.)

Atemberaubend.

Dort oben blieb ich, bis es kalt wurde. Und irgendwann, gegen 22 Uhr, erreichte ich schließlich das Hostel.

Endlich schlafen. Zumindest war das der Plan.

Denn Schlafen war unmöglich.

Weil ich allein im Zimmer war. Mit einem indischen Mädchen.

Bis zum nächsten Artikel.

Felix Ast
Felix Ast
Autor · Sprecher · Innovator
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