Ein Ruhetag. Eigentlich.
Heute soll eigentlich ein richtiger Ruhetag werden. Es stehen nur ein paar Dinge auf der To-do-Liste.
Erstens müssen wir unsere SIM-Karten noch einmal überprüfen. Aus irgendeinem mysteriösen Grund hat meine gestern in meinem Handy nicht funktioniert. Egal, was ich ausprobiert habe, wir hatten nur eine funktionierende Karte. Selbst das ist wieder ein weiteres Puzzleteil.
Zweitens brauchen wir ein richtiges Frühstück, weil Melroy gestern nicht besonders viel gegessen hatte. Und das war es eigentlich schon.
Beides ließ sich am besten auf dem Markt erledigen. Also fuhren wir mit dem Bus dorthin und gingen in den Laden, in dem wir die SIM-Karte gekauft hatten.
Und die erste Überraschung:
Heute funktioniert die Karte in meinem Handy.
Damit war unser Handyproblem gelöst. Melroy brauchte eigentlich gar keine eigene SIM-Karte. Er brauchte nur einen Hotspot, um online telefonieren zu können.
Erledigt.
Danach empfahlen sie uns noch ein gutes Restaurant zum Frühstücken.
Und dort fanden wir das hier:

Ich frage mich, wie „Chicken Scnitzel“ schmeckt. Hätte ich wohl bestellen sollen. Vielleicht ist es ja sogar besser als das Schnitzel mit H. Wer weiß.
Auch interessant, dass es zusammen mit den Desserts aufgeführt ist.
Noch während wir aßen, bekam Melroy einen weiteren Anruf. Er ging nach draußen und als er zurückkam, sagte er:
„Bro, ich glaube, ich muss zurück.“
Ich war überrascht.
„Hm? Was ist passiert? Alles okay?“
„Ja, ja. Es ist nur ... meine Schwester heiratet und wir laden den Bräutigam zu uns nach Hause ein. In zwei Tagen. Das bedeutet, dass alle da sein müssen. Auch ich.“
Oh verdammt.
Das ist verrückt.
Ich musste eigentlich gar nichts sagen, obwohl ich sofort anfing darüber nachzudenken, was wir jetzt machen könnten. Tief in mir hatte ich allerdings das Gefühl, dass genau das genauso passieren sollte.
Er war für den ersten Tag mein Schutzengel gewesen. Jetzt wurde er woanders gebraucht.
Und ich sollte alleine weitermachen.
Er selbst konnte es überhaupt nicht glauben:
„Warum muss ich jetzt schon wieder weg? Ich werde dort nicht einmal wirklich gebraucht. Wir essen einfach nur etwas und trinken Chai. Mann. Hätten sie mir das nicht ein bisschen früher sagen können?“
Was ich bis dahin noch nicht verstanden hatte, war, wie dringend die Sache tatsächlich war.
Dann sagte er:
„Der Flug geht um 13 Uhr.“
Ich schaute auf meine Uhr.
Weniger als zwei Stunden.
Wir saßen mitten beim Frühstück. Eigentlich sollte er mindestens eine Stunde vorher am Flughafen sein. Besser zwei.
Wir ließen alles stehen, wie es war, rannten raus, mussten unterwegs noch Bargeld abheben und stiegen in den nächsten Bus.
Mit noch einer Stunde Zeit erreichten wir das Hostel.
Und dann wurde es lustig.
Riiichtig lustig.
Ein Taxi zu rufen würde zu lange dauern. Per Anhalter zu fahren war zu riskant. Ein Bus noch riskanter.
Es gab nur eine Möglichkeit.
Und gleichzeitig war es die schnellste:
Wir mieten einen Roller und fahren selbst zum Flughafen.
Nur eine kleine Herausforderung:
Er kann hinfahren.
Ich müsste zurückfahren.
Aber auch hier: Es gab keine andere Möglichkeit. Und keine Zeit zum Nachdenken.
Also machten wir es.
Am Flughafen verabschiedeten wir uns. Damals war Melroys Plan noch, direkt nach der Familienfeier wieder zurückzukommen.

Und dann stand ich da.
Mit dem Roller.
Und musste zurück zum Hostel.
Sicher.
Ich schickte sämtliche Gebete ins Universum, ging noch einmal alle Anweisungen von Hari durch und fühlte mich eigentlich ziemlich sicher.
Ich wollte den Roller starten.
Und?
Er sprang nicht an.
Egal, was ich machte.
Er sprang einfach nicht an.
Wunderbar.
Ich musste jemand anderen um Hilfe bitten. Der probierte genau dasselbe wie ich.
Funktionierte ebenfalls nicht.
Das beruhigte mich wenigstens.
Der Roller hatte noch eine zusätzliche Sicherheitsfunktion: Solange der Ständer draußen ist, startet er nicht.
Wir klappten ihn ein.
Der Roller sprang an.
Und damit stand ich kurz vor meiner ersten eigenen Rollerfahrt auf indischen Straßen.
Es fühlte sich befreiend an.
Ich hatte das Gefühl, die Kontrolle zu haben. Wirklich. In diesem Moment fühlte es sich an, als würde mir ganz Ladakh offenstehen.
Bis mich jemand anhupte.
Und ich erst später merkte, was ich falsch gemacht hatte.
Ich fuhr auf der rechten Spur.
So, wie ich es aus Deutschland gewohnt war.
Nur dass diese Spur hier zum Überholen gedacht war.
Mein Adrenalin war auf Level neuntausend.
Bis ich schließlich ankam.
Und ich war stolz.
Ich rief Hari sofort an und bedankte mich noch einmal für seine Einweisung. Damals hatte ich gedacht, dass es nett wäre, Rollerfahren zu können.
Ich hätte nicht erwartet, dass ich es tatsächlich brauchen würde.
Die Fahrt hatte mich allerdings ziemlich viel Energie gekostet. Also ging ich einfach ins Zimmer, duschte und schlief ein.
Als ich wieder aufwachte, ging ich auf die Terrasse, öffnete meinen Laptop und versuchte zu schreiben.
Eine E-Mail war besonders wichtig. Ein deutscher Bundestagsabgeordneter möchte Light on German besuchen und mehr darüber erfahren. Die Antwort darauf zu formulieren, dauerte ziemlich lange.
Viel mehr Schreiben war allerdings ohnehin unmöglich, weil andere Leute neben mir saßen und wir ins Gespräch kamen.
Tiefe Gespräche.
Die Akklimatisierung der kommenden Tage sollte offenbar von tiefen Gesprächen geprägt sein.
Dieses Mal hauptsächlich mit einem Bayern aus München.
Bayrisch zu sprechen fühlte sich irgendwie ein bisschen seltsam an.
Da er bereits seit mehreren Wochen hier war, konnte er mir ein wenig Orientierung geben. Gute Restaurants. Orte. Erfahrungen. Wir redeten über besondere Frauen.
Aber am wichtigsten war etwas anderes:
Er hatte von einem Mädchen gehört, das etwas Ähnliches gemacht hatte wie das, was ich vorhatte.
Im Zanskar-Tal soll es eine mehrtägige Wanderung von Kloster zu Kloster geben.

Und das war eigentlich schon alles für heute.
Ich war in den ersten beiden Tagen geführt worden, damit ich die nächsten Tage in meinem eigenen Tempo erleben konnte.
Und Tempo ist genau das richtige Stichwort.
Denn obwohl Motorradfahren Spaß gemacht hat, fühlte es sich für mich persönlich zu schnell an. Ich hatte keine wirkliche Verbindung zur Umgebung.
Es fühlte sich nicht so an, als hätte ich mir die Landschaft verdient.
Die Belohnung war kleiner als beim Wandern.
Langsam.
In Ruhe.
In relativer Stille.
Mit echter körperlicher Bewegung.
Also wusste ich, was ich tun musste.
Und ich wusste auch, wie ich mich fortbewegen würde.
Entweder mit dem Bus oder per Anhalter bis zu einem Ausgangspunkt. Alle sagen, dass beides ziemlich einfach ist.
Und von dort aus würde ich laufen.
Und bei Einheimischen übernachten.
Schon verrückt, was mit Melroy passiert ist.
Und noch verrückter, dass meine Intuition irgendwie schon darauf eingestellt gewesen war.
Ich verbrachte den Rest des Tages mit Ausruhen.
Morgen würde ich Energie brauchen.
Denn ich wollte den Ort wechseln, an dem ich übernachtete.
Und dabei die Worte eines Briten beherzigen, der bereits seit über 20 Jahren durch Ladakh reist:
"Mach es dir bloß nicht zu bequem."