Was immer du für wahr hältst ... du hast recht
Heute ist ein inspirierender Tag. Solche Tage gibt es nicht ständig. Tage, die uns daran erinnern, dass wir mehr sind.
Mehr als die Antworten, die uns beigebracht werden.
Mehr als der Druck, gute Noten zu bekommen.
Mehr als der Stress bei der Arbeit.
Mehr als ein schönes Auto.
Mehr als das Bedürfnis nach einem schönen Haus.
Mehr als das Konstrukt, das wir um uns herum aufgebaut haben.
Und sogar noch mehr als das:
Mehr als unsere Vorstellung davon, was möglich ist.
Mehr als unsere Vorstellung davon, was real ist.
Das Schlüsselwort lautet:
Wahrnehmung.
Ich habe einmal einen erfolgreichen Coach sagen hören, dass unser Gehirn sich nur ein wenig mehr vorstellen kann als das, was es gerade noch als plausibel akzeptiert. Ob diese Zahl nun 20 %, 30 %, 10 % oder kompletter Blödsinn ist, spielt für mich keine große Rolle.
Die Idee dahinter schon.
Erweiterung geschieht selten auf einmal.
Meistens bewegen wir uns Stück für Stück. Unsere Wahrnehmung erweitert sich. Etwas, das einmal unmöglich klang, beginnt irgendwann seltsam, aber vorstellbar zu klingen. Und irgendwann normal.
Und hin und wieder gibt es einen Moment, der einfach ein Loch in die Wand sprengt. Das Thema Palmblätter könnte für manche Menschen so etwas sein. Für andere klingt es vielleicht vollkommen lächerlich. Und selbst wenn du dir vorstellen kannst, dass so etwas existiert, denkst du vielleicht trotzdem:
Okay. Aber was bringt mir das in meinem Leben?
Berechtigte Frage. Dieses Thema ist nicht für jeden.
Manche werden weiterlesen.
Manche werden aussteigen.
So sei es.
Was mich fasziniert, ist, wie viele von uns genau zu wissen scheinen, was für sie selbst richtig ist – und oft mit noch größerer Sicherheit, was für alle anderen richtig ist –, während wir überraschend wenig darüber wissen, was wir eigentlich sind.
Also lass mich fragen:
Wie können wir wissen, was für einen Menschen am besten ist, wenn wir kaum erforschen, was es überhaupt bedeutet, Mensch zu sein?
Vielleicht ist das einer unserer größten blinden Flecken.
Wir lernen zu funktionieren.
Wie man arbeitet.
Wie man Geld verdient.
Wie man sich verhält.
Wie man sich in die Systeme einfügt, die uns umgeben.
Und natürlich ist vieles davon notwendig.
Jede Kultur entwickelt Wege zu überleben. Werte, Überzeugungen, Erwartungen, Traditionen. Zieh irgendwo anders hin und plötzlich verändern sich viele dieser Dinge.
Was selbstverständlich war, wird seltsam.
Was seltsam war, wird selbstverständlich.
Aber unter all diesen Blasen gibt es etwas, das uns verbindet:
Unser Menschsein.
Unsere Biologie.
Unser Bewusstsein.
Unsere Fähigkeit zu lernen.
Zu erschaffen.
Uns zu verbinden.
Uns etwas vorzustellen.
Zu erforschen.
Und genau das fasziniert mich.
Nicht, weil ich glaube, die Antworten zu haben.
Ganz im Gegenteil.
Wir können nicht wertschätzen, was wir nicht kennen.
Und wir können nicht wissen, was wir nicht wissen.
Vielleicht ist das Mysterium unendlich.
Vielleicht ist es genau das, was uns Angst macht.
Es ist sehr viel angenehmer, eine Kiste zu bauen, ihre Grenzen festzulegen, die Regeln darin zu verstehen und uns anschließend zu den Meistern dieser Kiste zu erklären.
Aber das Leben ist größer als die Kiste.
Die Natur ist größer als die Kiste.
Und ich vermute, wir sind es auch.
Vielleicht macht dich dieses Wissen nicht sofort erfolgreicher in dem System, in dem wir gerade leben.
Vielleicht bewirkt es sogar das Gegenteil.
Vielleicht macht es das Leben ein bisschen unbequemer, weil enge Definitionen irgendwann nicht mehr ausreichen.
Vielleicht fängst du an, nervige Fragen zu stellen.
Wie zum Beispiel:
Können wir es nicht besser machen?
Können wir keine Systeme erschaffen, in denen Menschen weniger Zeit ihres Lebens mit Arbeit verbringen, die sie hassen, nur weil sie überleben müssen?
Können wir Probleme nicht lösen, anstatt sie am Leben zu halten, weil irgendjemand daran verdient?
Können wir Leben gestalten, in denen Krankheit weniger wahrscheinlich wird, anstatt immer besser darin zu werden, ihre Folgen zu verwalten?
Kann die Menschheit ein bisschen weniger funktionieren ...
und ein bisschen mehr leben?
Ich kenne nicht alle Antworten.
Aber ich glaube, dass es wichtig ist, die Fragen zu stellen.
Und wenn wir etwas Besseres erschaffen wollen, kann ein Blick zurück genauso wertvoll sein wie ein Blick nach vorne.
Und damit kommen wir zu Dingen wie Palmblattbibliotheken.
Für manche wird das einfach eine seltsame Geschichte aus Indien sein.
Für andere bringt sie vielleicht ein bisschen Mysterium zurück ins Leben.
Beides ist okay.
Ich persönlich bin nicht dorthin gegangen, weil ich unbedingt meine Zukunft erfahren wollte.
Ich bin hingegangen, weil ich etwas sehen wollte, das nicht sauber in mein bisheriges Verständnis der Realität passt.
Ich wollte überrascht werden.
Vielleicht sogar umgehauen.
Und nach dieser ganzen Einleitung ...
kommen wir endlich dazu, was tatsächlich passiert ist.
Innere Reinigung
Prabhu weckte mich um 8 Uhr morgens.
Meine Erkältung war definitiv spürbar, aber ich hatte überraschend gut geschlafen, während ich mir das Zimmer mit Dinesh teilte.
Die einzige Herausforderung war die Temperaturdiplomatie.
Ich wollte das Zimmer wärmer haben, was bedeutete, sehr deutlich klarzumachen, dass ich weder die Klimaanlage eingeschaltet haben wollte noch einen Ventilator, der sich mit Hubschraubergeschwindigkeit drehte.
Dinesh schaffte es, die perfekte Balance zu finden.
Respekt.
Ich verstehe immer noch nicht, wie so viele Menschen friedlich unter dröhnenden Deckenventilatoren schlafen können. Die Dinger sind laut.
Andererseits: Wenn man mit diesem Geräusch aufwächst, fühlt sich vielleicht die Stille seltsam an.
Wie auch immer.

Prabhu ging los, um mir Medikamente zu kaufen.
Ich ging aufs Dach und machte meine täglichen Übungen.
Teilweise, um meinen Körper zu aktivieren.
Teilweise, um die Heilung zu unterstützen.
Teilweise, um mich zu fokussieren.
Vor allem, um anzukommen.
Nicht darüber nachzudenken, wo ich gewesen war oder wohin ich als Nächstes gehen würde, sondern einfach dort zu sein, wo ich gerade war.
Die Aussicht half. Schon ein einziges Bild von so einem Dach erzählt so unglaublich viel. Architektur. Klima. Kultur. Alltag. Kleine Details, die man erst bemerkt, wenn man aufhört, sich zu bewegen.

Als ich wieder nach unten kam, machten wir uns nicht einmal die Mühe mit Frühstück.
Wir fuhren einfach los. Prabhu wollte mir einen Ort zeigen, der seinen Angaben zufolge vor ungefähr tausend Jahren erbaut worden war, vielleicht sogar noch früher. Einen Staudamm.

Und wieder:
Waschmaschine.
Badezimmer.
Öffentliches Schwimmbad.
Mich faszinierte vor allem das Bauwerk selbst. Die Steine waren bemerkenswert präzise bearbeitet und das Ganze hatte eine absurd lange Zeit überstanden. Solche Dinge lösen bei mir immer etwas aus. Wir bezeichnen uns gerne als entwickelt.
Wir bauen höher.
Schneller.
Größer.
Aber wenn du auf etwas stehst, das vor Jahrhunderten gebaut wurde und heute noch seinen Zweck erfüllt, taucht eine andere Frage auf:
Wie viel von dem, was wir heute bauen, ist eigentlich dafür gedacht, wirklich zu bleiben?
Vielleicht bedeutet Entwicklung nicht nur, etwas Beeindruckendes zu erschaffen. Vielleicht bedeutet sie auch, etwas zu erschaffen, das uns überlebt.
Ein paar Händler waren bereits da und verkauften Obst. Ich kaufte Mango mit Chili, natürlich mit der hochwissenschaftlichen Absicht, die Infektion aus meinem Körper herauszubrennen.
Hat es funktioniert? Keine Ahnung. Hat es geschmeckt? Absolut.
Danach besuchten wir einen weiteren uralten Ort. Einen Tempel.

Und dort bekam mein Gehirn deutlich mehr Nahrung als mein Magen. Alles begann mit einer Frage, die ich für ziemlich einfach hielt:
Warum duschen Menschen, bevor sie in einen Tempel gehen?
Ich erwartete eine Antwort von vielleicht zwanzig Sekunden. Sie dauerte mehr als zehn Minuten. Und ich liebte jede einzelne davon.
Prabhu erklärte mir, dass die Dusche vor dem Betreten eines Tempels nicht einfach nur körperliche Sauberkeit bedeutet. Und nicht jeder folgt jedes einzelne Mal exakt denselben Ritualen. Als Beispiel nannte er das Essen von Fleisch. Nach der Vorstellung, die er mir beschrieb, erlebt ein Tier, wenn es getötet wird, Angst, Schmerz, Stress, Wut, Hoffnungslosigkeit – intensive negative Zustände. Die Idee dahinter ist, dass etwas davon mit dem verbunden bleibt, was anschließend gegessen wird. Wenn man das Fleisch isst, nimmt man also nicht nur die physische Substanz zu sich. Man nimmt auch etwas von dem auf, was rundherum passiert ist. Und dieser Vorstellung zufolge wirkt Wasser wie ein Neutralisator. Ein Reiniger.
Nicht nur nach dem Essen von Fleisch. Negative Zustände können von überall kommen.
Wut.
Konflikt.
Angst.
Stress.
Bevor man einen Tempel betritt, versucht man deshalb, sich so weit wie möglich davon zu reinigen.
Das fand ich bereits interessant. Aber Prabhu machte weiter.
Und dann beantwortete er eine Frage, auf die ich selbst noch gar nicht gekommen war:
Warum ist es überhaupt so wichtig, sauber zu sein, wenn man einen Tempel betritt?
Seine Erklärung führte zurück zu alten Weisen, Mönchen, Gurus – wie auch immer wir sie nennen wollen. Menschen, die unglaublich viel Zeit mit Meditation verbrachten. Sie gingen nach innen. Und tiefer. Und tiefer. Und noooch tiefer. Und nach der Tradition, die Prabhu beschrieb, passierte dabei etwas Interessantes:
Es wurde nicht lauter. Es wurde leiser.
Das sprach mich an, weil ähnliche Gedanken auch im Yoga auftauchen. Je tiefer oder feiner der Zustand wird, desto subtiler wird die Erfahrung. Das brachte mich auf die Sprache von Energie, Frequenz und Schwingung, die sowohl in spirituellen Traditionen als auch in der Physik auftaucht – obwohl beide vollkommen unterschiedlich an diese Begriffe herangehen. Ich sage nicht, dass beide automatisch dasselbe beschreiben. Aber ich finde die Überschneidungen in ihrer Sprache faszinierend.
Das eine schaut mit Messgeräten nach außen. Das andere schaut durch Erfahrung nach innen.
Und manchmal beginnen die Bilder, mit denen beide etwas beschreiben, erstaunlich ähnlich zu klingen. Prabhu zufolge beschrieben die Meditierenden irgendwann, feine Klänge oder Frequenzen wahrzunehmen. Einer der bekanntesten davon ist das, was wir meistens nennen:
Om.
Geschrieben folgendermaßen:
AUM .
Mehr dazu wann anders. Für diese Geschichte war wichtiger, was danach kam. Nach der Erklärung, die ich bekam:
Stein kann Schwingungen speichern.
Und plötzlich ergab die Logik hinter dem Tempelritual ein Gesamtbild. Tempel bestehen aus Stein. Menschen betreten sie. Menschen chanten. Menschen beten. Menschen führen Rituale durch. Und in dieser Weltanschauung beeinflussen all diese Handlungen die energetische Atmosphäre des Ortes. Wenn also immer wieder positive Gesänge und Absichten in den Tempel hineingetragen werden, verstärken sie das, was bereits da ist. Wenn Menschen dagegen Unruhe, Angst, Wut oder andere negative Zustände mit hineinbringen, beeinflussen auch diese die Atmosphäre.
Deshalb: Reinige sie sich zuerst. Körperlich. Mental. Energetisch. Ob man das nun wörtlich glaubt oder nicht, ich fand die Symbolik wunderschön. Schlepp nicht alles, was du draußen angesammelt hast, mit hinein in den heiligen Raum. Lass einen Teil davon an der Tür zurück.
Dann kam Prabhu auf das Gebet zu sprechen. Und auch hier fand ich wieder Verbindungen zu Gedanken, denen ich in vollkommen unterschiedlichen Traditionen begegnet bin. Christlich. Buddhistisch. Yogisch. Hawaiianisch. Nordafrikanisch. Ägyptisch. Andere Zeiten. Andere Orte. Andere Sprachen. Und trotzdem taucht immer wieder diese Idee auf, dass Absicht eine Rolle spielt. Dass Gebet eine Rolle spielt. Dass der innere Zustand eine Rolle spielt. Dass der Mensch, der um etwas bittet, nicht vollkommen getrennt von dem ist, was sich entfaltet. Die verschiedenen Traditionen erklären das auf sehr unterschiedliche Weise. Ich behaupte nicht zu wissen, was genau dabei passiert. Aber ich finde dieses wiederkehrende Muster schwer zu ignorieren. Und vielleicht ist allein das schon Grund genug, weiterzusuchen.
Das folgende Bild zeigt übrigens ein weiteres Beispiel menschlicher Kreativität.

Ich meine ... eine fünfte Person würde da locker noch draufpassen. Sie sollten ernsthaft darüber nachdenken, noch ein Baby zu bekommen, nur um den freien Platz zwischen dem Jüngsten und dem Papa effizienter zu nutzen. Ich persönlich sehe hier enormes Potenzial. Mit demselben Prinzip könnte aus jedem Fünfsitzer ein Zwölf-Personen-Bus werden. Liebe Stadtplaner: Ruft mich an. Wir lösen das Platzproblem.
Feuerläufe
Praktischerweise lag eine der Palmblattbibliotheken im Heimatort von Prabhus Frau. Ihre Eltern mussten wir ohnehin besuchen. Perfekt. Und irgendwo während der Fahrt tauchte aus dem Nichts ein weiteres Thema auf. Eines, dem ich bereits in Geschichten aus verschiedenen Kulturen begegnet war:
Feuerläufe.
Prabhus Frau glaubte daran. Prabhu war skeptisch.
Die Variante, die sie beschrieben, bestand darin, Kohle zu verbrennen, sie etwas abkühlen zu lassen und anschließend darüberzulaufen. Das Gebet welches man abgibt tritt laut ihr in Erfüllung. Prabhu hielt die Praxis für Aberglauben. Seine Frau hatte es allerdings tatsächlich gemacht. Und dabei hatte sie sich die Füße so stark verbrannt, dass sie mehrere Tage Probleme beim Laufen hatte. Das stärkte Prabhus Vertrauen in die Sache verständlicherweise nicht gerade. Was mich daran interessierte, war, wie verschiedene Formen des Feuerlaufens an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Traditionen auftauchen. Manche sind Rituale. Manche sind Prüfungen. Manche sind Demonstrationen. Manche sind spirituelle Praktiken. Und in einigen Traditionen werden extrem intensive Varianten beschrieben, bei denen Glaube, Vorbereitung, Reinheit oder Gebet angeblich darüber entscheiden, ob ein Mensch verletzt wird. Ähnliche Geschichten habe ich im Zusammenhang mit hawaiianischen Traditionen gehört. Ob jede dieser Geschichten wortwörtlich stimmt, ausgeschmückt, missverstanden oder auf irgendeiner Kombination aus körperlicher Technik und Glauben beruht, weiß ich nicht. Aber die symbolische Idee hinter manchen davon fasziniert mich.
Die Prüfung lautet nicht:
Kannst du Menschen beeindrucken, indem du durchs Feuer läufst?
Die Prüfung lautet:
Lebst du wirklich in Übereinstimmung mit dem, was du behauptest zu glauben?
In einigen Lehren wird Fehlverhalten oder „Sünde“ sehr praktisch beschrieben:
"einem anderen Wesen Leid zufügen."
Das erinnerte mich sofort an ein ethisches Prinzip, das in vielen Traditionen auftaucht:
Tu anderen nicht das an, was du selbst nicht erleben möchtest.
Andere Worte. Dieselbe grundlegende Richtung. Und damit lande ich wieder bei etwas, über das ich seit Jahren nachdenke:
Was wäre, wenn scheinbar voneinander getrennte spirituelle Traditionen Fragmente viel älterer gemeinsamer menschlicher Erkenntnisse in sich tragen?
Nicht unbedingt, weil sie alle tatsächlich aus einer einzigen historischen Schule entstanden sind. Vielleicht war es so. Vielleicht auch nicht. Aber vielleicht haben Menschen an verschiedenen Orten und in verschiedenen Jahrhunderten immer wieder Ähnliches über Leid, Aufmerksamkeit, Angst, Mitgefühl, Bewusstsein und Verhalten entdeckt.
Diese Möglichkeit fasziniert mich sehr viel mehr als die Frage, welche Religion nun die „erste“ war. Die hawaiianischen Praktiken, denen ich begegnet war, wurden häufig mit einem Wort bezeichnet:
Huna.
Und irgendwann begann ich, den tieferen gemeinsamen Boden, nach dem ich suchte, so zu nennen:
Hunam.
Warum? Weil diese Suche für mich immer wieder an denselben Punkt zurückführt.
Human. Hunam. Huna.
Was sind wir? Wozu sind wir fähig? Was hilft uns dabei, mehr von unserem Menschsein zu entfalten?
Und an genau diesem Tag, umgeben von uralten Tempeln, seltsamen Traditionen, Familiengeschichten, Ritualen und einer Palmblattbibliothek, die noch vor mir lag ... fühlte sich dieser Name plötzlich noch passender an.
Die Palmblattbibliothek
Und dann kamen wir an. Oder zumindest ... Unser GPS behauptete, wir wären angekommen. Was ich sah, entsprach ziemlich genau dem, was ich mir vorgestellt hatte:
Ein heiliger Ort irgendwo mitten im Chaos indischer Straßen.

Die Karte sagte, wir seien am richtigen Ort. Prabhu konnte ihn nicht finden. Ich konnte ihn nicht finden. Wir riefen an. Nach dem Anruf konnten wir ihn immer noch nicht finden.
Perfekt. Irgendwann, nach einigem Suchen, fanden wir schließlich das, wonach wir gesucht hatten. Von außen sah es so aus:


Und von innen:
Der Warteraum.

Der Anmeldeschalter.

Das Gästebuch.

Der Leseraum.

Aus Respekt machte ich keine Fotos von den eigentlichen Palmblättern oder von der Lesung selbst. Mit dem Einverständnis aller Beteiligten nahm ich allerdings die komplette Sitzung auf. Alles war auf Tamil. Und so lief es ab.
Der Leser kam mit einem kleinen Bündel herein. Vielleicht fünf Zentimeter hoch. Etwa vierzig Zentimeter lang. Vielleicht sechs Zentimeter breit. Oben und unten befanden sich stabilere Stücke, die alles zusammenhielten. Dazwischen lagen ungefähr fünfzig Palmblätter. Das gesamte Bündel war mit einem Faden zusammengebunden.
Bevor es losging, gab er uns eine kurze Erklärung.
Ihm zufolge hatten alte Mönche viele Jahre in Meditation verbracht und dabei die Fähigkeit entwickelt, Informationen über drei Zeitlinien wahrzunehmen: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Diese Lebensverläufe hätten sie anschließend auf Palmblättern festgehalten. Der Daumenabdruck diente als Identifikationsmerkmal. Er behauptete nicht, dass zwangsläufig für jeden heute lebenden Menschen ein Palmblatt existiert. Aber dieser Tradition zufolge gibt es für viele Menschen eines.
Dann erklärte er noch etwas: Nicht jeder Mensch soll überhaupt eine solche Lesung erhalten. Wenn es zu deinem Lebensweg gehört, den Inhalt deines Palmblattes zu hören, dann wird sich ihm zufolge irgendwann die Gelegenheit dazu ergeben. Wenn nicht, könntest du es angeblich tausendmal versuchen und würdest trotzdem niemals eine solche Lesung erhalten.
Die Blätter, erklärte er weiter, beschäftigen sich auch mit Karma. Mit dem, was ein Mensch mit sich trägt. Was vielleicht zuvor passiert ist. Was später erlebt werden könnte. Gut. Schlecht. Angenehm. Schmerzhaft.
Und dann begann die eigentliche Suche. Er öffnete das Bündel. Ein Palmblatt nach dem anderen. Vorderseite und Rückseite. Die alten Schreiber verschwendeten offenbar keinen Platz. Das Seltsame daran war, dass diese Blätter sehr alt sein können und trotzdem angeblich Menschen beschreiben, die heute leben. Allein das reichte schon aus, um mein Gehirn glücklich zu machen. Aber der Vorgang wurde noch interessanter. Er sagte nicht einfach: „Das hier ist dein Blatt.“ Er musste es überprüfen. Auf jedem Blatt standen Details. Wenn ein Detail nicht zu meinem Leben passte, wurde das Blatt aussortiert. Nächstes.
Hier ein paar Beispiele.
„War deine Geburt eher nachts oder tagsüber?“
Tagsüber. Nicht das richtige Blatt. Nächstes.
„War dein Vater zweimal verheiratet?“
Nein. Einmal. Nicht das Blatt. Nächstes.
„Leben deine Eltern getrennt?“
Nein. Nächstes.
...
Prabhu beantwortete einige Fragen für mich, wenn eine Übersetzung nötig war.
„Gibt es Zwillinge in deiner direkten Familie?“
Nein. Nächstes.
...
„Welchen Abschluss hast du?“
Master of Engineering in Renewable Energy.
„Zwei Abschlüsse oder drei?“
Zwei. Bachelor und Master.
„Arbeitest du in einem Angestelltenverhältnis?“
Nein. Nicht das Blatt. Nächstes.
...
„Aktuell eine Beziehung?“
Nein. Nächstes.
„Bist du das jüngste Kind in deiner Familie?“
Ja. Immer noch nicht das Blatt. Nächstes.
...
„Hast du in mehreren Ländern gearbeitet?“
Ja.
„Selbstständig oder angestellt?“
Angestellt. Nicht das Blatt. Nächstes.
„Seit mindestens fünf Jahren als Lehrer tätig?“
Nein. Nächstes.
„Hast du deinen Master vor sechs Jahren abgeschlossen?“
Nein. Nicht das Blatt.
„Wann hast du deinen Bachelor gemacht?“
„Hast du zwischen Bachelor und Master gearbeitet?“
Nein. Nächstes.
„Vater oder Mutter im Staatsdienst?“
Mama. Lehrerin.
„Vater ebenfalls Lehrer?“
Nein. Das Blatt beschreibt die Mutter als staatlich angestellte Lehrerin und den Vater als Lehrer im privaten Bereich. Nicht meins. Nächstes.
Dann wurde eines interessant.
„Hast du eine Schule, Sprachschule oder ein Trainingszentrum gegründet?“
Ja.
„Mutter im Ruhestand oder unterrichtet sie noch?“
Im Ruhestand.
„Bekommen deine Eltern eine Pension?“
Ja.
„Hast du einen Kredit?“
Nein. Nicht das Blatt. Nächstes.
Und dann kam eines, bei dem ich plötzlich aufrechter saß. Der Leser überprüfte meinen Namen. Auf Tamil. Felix. Passt.
„Wie heißt deine Mutter?“
Ingrid. Passt. Okay. Jetzt wurde ich neugierig. Zwei Namen passten.
Dann:
„Wie heißt dein Vater?“
Siegfried. Nein. Nicht das Blatt. Nächstes.
Das war gemein. Für ungefähr drei Sekunden dachte ich tatsächlich, wir hätten es gefunden. Dann:
„Gab es vor einigen Jahren Fehlgeburten?“
Nein. Nicht das Blatt. Nächstes.
Und so ging es weiter. Alles in allem dauerte die Suche ungefähr fünfundzwanzig Minuten. Ihr versteht das Prinzip. Das Blatt soll exakt passen. Nicht ungefähr. Nicht größtenteils. Wenn genügend Details abweichen, wird es verworfen. Und je länger wir weitermachten, desto stärker tauchte langsam ein anderer Gedanke in meinem Kopf auf:
Will ich überhaupt, dass sie es finden? Die Vergangenheit? Ja.
Das wäre faszinierend. Einfach als eine Art Bestätigung dafür, dass das System funktioniert. Aber die Zukunft? Da bin ich mir nicht sicher. Will ich wirklich, dass mir jemand sagt, was angeblich auf mich wartet? Vielleicht nicht.
Die Blätter schritten weiter. Eines nach dem anderen. Bis wir schließlich zum Ergebnis kamen:
Meins war nicht in diesem Bündel.
Das war's. Keine Prophezeiung. Keine dramatische Offenbarung. Kein „Felix, in sieben Jahren bekommst du einen Hund namens Arun.“ Nichts.
Sie erklärten uns, dass die Bündel regelmäßig ausgetauscht werden. In ungefähr zwei Wochen würden neue eintreffen.
Dann könnten sie erneut suchen. Prabhu könnte für mich dorthin zurückfahren und ich könnte per Videoanruf dabei sein. Die Geschichte bleibt also offen.
Natürlich hatte ich Fragen.
Wie viele solcher Bibliotheken gibt es?
Laut den Menschen dort mindestens vier Orte in Tamil Nadu, außerdem eine in Delhi und eine in Bangalore.
Sind alle Blätter auf Tamil geschrieben?
Ja, sagten sie, weil die ursprünglichen Weisen, die diese spezielle Sammlung angelegt hatten, Tamil verwendeten.
Wie funktioniert das System mit dem Fingerabdruck?
Sie erklärten, dass zwar jeder Fingerabdruck einzigartig ist, Fingerabdrücke aber in größere Kategorien eingeteilt werden können. Anhand des Daumenabdrucks bestimmen sie, in welcher Gruppe von Blättern gesucht werden muss. Innerhalb dieser Gruppe befinden sich wiederum riesige Mengen möglicher Lebensaufzeichnungen. Und dann beginnt die eigentliche Suche. Bündel für Bündel. Blatt für Blatt. Frage für Frage.
Wir unterhielten uns noch ein wenig. Dann war die Sitzung vorbei.
Und schließlich konnte ich noch einmal auf eine Nachricht zurückkommen, die Petra mir zuvor geschickt hatte.
Sie hatte gefragt:
Tragen wir nicht alle unser Palmblatt in uns?
Und:
Können wir unsere Antworten wirklich finden, wenn wir ständig im Außen danach suchen?
Ich mag diese Fragen. Sehr sogar. Ich bin nicht in die Palmblattbibliothek gegangen, weil ich jemanden brauchte, der mir sagt, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Ich bin nicht hingegangen, weil ich Gewissheit wollte. Ich bin hingegangen, weil mich fasziniert, was Menschen erschaffen, bewahren, glauben, wahrnehmen und erleben. Ich wollte diesen Ort mit meinen eigenen Augen sehen. Und das habe ich. Ich war beeindruckt. Nicht, weil ich anschließend meine Zukunft kannte. Tat ich nicht. Sondern weil der ganze Vorgang deutlich detaillierter war, als ich erwartet hatte. Und manchmal reicht das. Du brauchst nicht immer eine Antwort. Manchmal müssen einfach nur deine bisherigen Fragen größer werden.
Eine Sache kann ich anbieten:
Wenn du ernsthaft Interesse an so einer Lesung hast, kann ich dabei helfen, eine zu organisieren.
Und was meine angeht? Warten wir ab. Mal sehen, was passiert, wenn die nächsten Bündel eintreffen. Ich halte euch auf dem Laufenden.
Abschied von Tamil Nadu
Dann fuhren wir nach Hause. Ich war fertig. So fertig, dass Stehen langsam verdächtig viel Ähnlichkeit mit Schlafen bekam. Schaut mich an. Und das ist noch eines der besseren Bilder.

Wir hatten wunderbares selbstgekochtes Essen. Leider waren meine Erkältung und mein Magen davon nicht ganz so begeistert. Meine Geschmacksknospen waren praktisch in den Streik getreten. Und mein Magen hatte bereits eine offizielle Beschwerde eingereicht, weil er seit mehreren Tagen permanent überfüllt wurde. Also aß ich, was noch ging. Dann machte ich ein kurzes Nickerchen.
Danke, Prabhu.
Später war ich wirklich froh, als Navil kam, um mich zum Flughafen zu bringen. Tamil Nadu war unglaublich gewesen. Aber es war auch intensiv gewesen. Sehr intensiv. Ich hatte eigentlich überhaupt keine Zeit gehabt, mich auszuruhen, mich zu erholen oder all das zu verarbeiten.
Also musste ich das wohl in Ladakh nachholen. Was ziemlich praktisch war. Denn genau das wird einem dort sowieso empfohlen. Ankommen. Fast nichts tun. Dem Körper Zeit geben, sich anzupassen. Vor allem wenn schon der Ort, an dem du landest, mehr als 3.500 Meter über dem Meeresspiegel liegt.



Am Flughafen konnte ich aber nicht wirklich schlafen. Für richtigen Schlaf hatte ich ohnehin nicht genug Zeit. Also saß ich einfach da. Und wie so oft in Indien war ich nicht lange allein. Ein wirklich netter Typ setzte sich ganz bewusst neben mich. Sein Name war:
Raman.

Wir kamen ins Gespräch. Über alles Mögliche. Unter anderem über Familie. Irgendwann fragte er:
„Wohnst du bei deinen Eltern?
Mit deinem Bruder?“
„Ja.“
Er wirkte erleichtert.
„Das ist gut.“
Dann schockierte ich ihn.
„In Deutschland wird das oft als Schwäche gesehen.“
Sein Gesicht veränderte sich sofort. Er konnte es wirklich nicht verstehen.
„Warum ...?
Warum?“
Dann erklärte er es mir.
„Da ist ein Band.
Eine Verbindung.Mein Vater hat vor Jahren seinen Bruder verloren.
Und er vermisst ihn IMMER NOCH.
Wegen dieser Verbindung.
Ihr solltet zusammenleben und euch gut um eure Familie kümmern.“
Was soll ich dazu noch sagen?
Kulturen sind unterschiedlich. Nicht automatisch besser. Nicht automatisch schlechter. Unterschiedlich. Und manchmal sorgt eine andere Kultur dafür, dass du deine eigene plötzlich aus einem Blickwinkel siehst, den du vorher nie in Betracht gezogen hast.

Die Ankunft in Delhi war lustig.
Der berühmte indische Ansturm begann schon, bevor das Flugzeug überhaupt vollständig zum Stillstand gekommen war. Innerhalb von Sekunden war der Gang voll. Menschen standen. Taschen tauchten auf. Alle schienen plötzlich auf dem Weg zu irgendeiner unsichtbaren Ziellinie zu sein. Für mich gab es keinen Grund zur Eile. Ich hatte sechs Stunden Aufenthalt bis zum nächsten Flug.

Ausnahmsweise klangen sechs Stunden wundervoll. Zeit. Nichts zu tun. Nirgendwo hinzumüssen. Einfach ausruhen. Außerdem war ich der Einzige aus diesem Flug, der weiter nach Ladakh flog.

Und damit lag dieser Tag hinter mir und ein weiteres Kapitel war abgeschlossen.
Kerala war vorbei. Tamil Nadu war vorbei. Hari war weg. Prabhu lag hinter mir.
Der Tempel. Der Staudamm. Die Palmblätter.
All das war plötzlich Erinnerung.
Und vor mir: Ladakh.
Etwas vollkommen Neues. Ich wusste nicht wirklich, wie ich mich dabei fühlen sollte. Es war einer dieser seltsamen Momente dazwischen.
Du bist nicht mehr dort, wo du warst. Aber du bist auch noch nicht dort, wohin du gehst.
Aufgeregt? Oder ängstlich?
Ich glaube ... es war beides.
Sei Mensch, der Rest folgt.